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Der Wortpresse
Festivalzeitung der Wortwiege
Im Gespräch. Dramaturg und Autor Peter Roessler über den Wiener Kasperl, die Faszinationskraft des Grauens und wie Geschichte in der Gegenwart (und darüber hinaus) wirkt.
Wer sich auf die Stücke von Qualtinger und Merz einlässt, begibt sich unweigerlich in die Untiefen der österreichischen Seele. Anschließend an die Inszenierung von „Alles gerettet“ 2025 bringt das Wortwiege Festival sogleich das nächste Juwel der österreichischen Bühnenliteratur der herausragenden Autoren: „Das Volksfest“ (erschienen als „Die Hinrichtung“). Dazu gibt es den raren Fall einer Wiederaufnahme: Aufgrund der großen Nachfrage und des Ungeheuerlichen, das dem Stück innewohnt, gibt es am letzten Festivalwochenende drei weitere Vorstellungen von „Alles gerettet“.
»Das Lachen vermag uns zu helfen. Aber die fragwürdige Seite von Humor kann sein, dass er die fröhliche Zustimmung zu einer problematischen Situation bedeutet.«
Peter Roessler
Bei dem Wort „Volksfest“ kommt einem in Wien schnell der Prater mit seinen Sensationen in den Sinn. Der Kasperl ist z.B. ein Ur-Wiener, ein Spektakel, das Generationen von Kindern und Eltern gleichermaßen unterhalten und in Angst und Schrecken versetzt hat. Was ist das für eine Figur?
Peter Roessler: Lange schon bewegen sich die Sensationen im Prater zwischen Nostalgie und Hightech. Dass er auch „Wurstelprater“ genannt wird, erzeugt einen Bezug zum Theatralen. Einer der letzten Wurstel, den wir zu kennen glauben, ist der Kasperl. Dieser Kasperl ist Wiener, aber als Wiener hat er Vorfahren und Verwandte in zahlreichen Ländern, in Italien, England, Frankreich, Ungarn, Böhmen, Süd- und Norddeutschland etwa. Er stammte aus ländlichen und städtischen Bereichen, sprach verschiedene Dialekte und auf der Bühne selbst gelangte er zudem in allerlei ferne Regionen. Über die Genealogien und Mutationen der lustigen Figur, ob als leibliche Person, Marionette oder Handpuppe, gibt es Forschungen und Legenden und manchmal kommt beides zusammen. Auf schwankendem Boden ließe sich viel erzählen und dabei auch stolpern.
Geht man auf die Figur des Hanswurst zurück – die auch im Kasperl weiterlebt – so zeigt sich, dass diese mit allerlei fragwürdigen Eigenschaften ausgestattet war: Der Hanswurst ist brutal, rücksichtslos, geldgierig, schadenfreudig, interessiert sich nahezu ausschließlich für Essen, Trinken und Sex. Steht er oft auch am Rand, passt er doch in die grausame Welt. Er ist nicht identisch mit dem späteren freundlichen Kinderkasperl, der immer moralisch siegt, was seine Beliebtheit befördert. Jedoch schon der alte Hanswurst konnte trotz oder sogar wegen seiner Rücksichtslosigkeit interessanterweise eine Identifikationsfigur für das Publikum sein, ebenso wie der alte, noch moralisch ungezähmte Kasperl. Aber der brav gewordene, nicht zuletzt durch staatliche Maßnahmen brav gemachte Kasperl wiederum wirkte nicht immer für das Gute, dieses wurde vielmehr missbraucht und verkehrt. Er wurde beispielsweise im Ersten Weltkrieg und im Nationalsozialismus zur propagandistischen Figur umfunktioniert.
Warum gehen Faszination und Grauen oft Hand in Hand, besonders wenn auch noch Humor dazukommt?
Peter Roessler: Dies kann zahlreiche Gründe haben, die meisten kennen wir vielleicht gar nicht. Das Unverständliche scheint für solche Situationen ohnehin typisch zu sein, denn die Irrationalität gehört wesentlich dazu. Aber manches können wir doch verstehen. Im Prater, bei anderen öffentlichen Veranstaltungen, die auf Sensationen ausgerichtet sind, bis hin zu allerlei Formen des Theatralen oder des Theaters selbst, scheint mir in solchen Fällen etwa ein Zusammenhang zwischen dem Unbekannten und dem Bekannten eine Rolle zu spielen. Das Grauen mag faszinieren, da es uns fremd scheint und auf einem unbekannten Terrain stattfindet. Da es aber an bekannte Gefühle, an Ängste, aber auch geheime Wünsche geknüpft sein kann, entsteht ein besonderer, nahezu persönlicher Bezug. Auch bricht beim unterdrückten Menschen, der seine Bedürfnisse und Triebe verleugnet, häufig der Sadismus hervor, der das Leid anderer goutiert, was ja zum Grauen gehören kann.
Humor wiederum ist ein vielschichtiger Begriff. Situationen können mit ihm in Frage gestellt und, wenn nicht real bekämpft, zumindest im Kopf überwunden werden. Das Lachen vermag uns zu helfen. Aber die fragwürdige Seite von Humor kann sein, dass er die fröhliche Zustimmung zu einer problematischen Situation bedeutet. Ein apologetischer Humor lässt das Einverständnis mit dem Schrecklichen entstehen, das reicht von falscher Versöhnlichkeit über die Schadenfreude bis zum aggressiven Lachen über Menschen, die den vorgegebenen Normen nicht entsprechen. Von dieser Landschaft des Humors deutlich abgesetzt und aus meiner Sicht eigentlich nicht als Humor zu bezeichnen, wäre der Witz als Waffe, die Satire. Sie lässt uns etwas durchschauen, erzeugt Kritik, Distanz zum Geschehen, ohne etwas direkt erklären zu müssen. Carl Merz und Helmut Qualtinger sind mit ihren Stücken auch bedeutende Autoren dieses Satirischen.
Das diesjährige Spielzeitmotto „Ungeheuer… ist viel“ löst zahlreiche Assoziationen aus – etwa die Gleichzeitigkeit des Erlebens eines Lustschauders an Grenzüberschreitungen und das Bild vom Goldenen Wiener Herz – ist diese Doppelkopfnatur eine österreichische Spezialität?
Peter Roessler: Die Suche nach österreichischen Besonderheiten kann rasch in Klischees münden. Es gibt die verklärend gemeinten Bilder eines Österreichs der Gemütlichkeit und es gibt die in kritischer Absicht ihnen entgegengestellten Bilder von einem bösen Österreich. Vielleicht ist das der Doppelkopf von Österreich-Schablonen, die allerdings in jüngerer Zeit etwas durcheinander geraten sind. Tatsächlich findet sich aber das Motiv der Doppelexistenz von Gemütlichkeit und Brutalität in der Literatur, die in Wien spielt, eindringlich gestaltet. Das fällt dabei nicht auseinander: Die Gemütlichkeit ist oft eine der Grundlagen für die Brutalität und umgekehrt. Dies zeigt sich als szenisches Spektrum mit zahlreichen Figuren, zum Beispiel in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödön von Horváth. Ein Stück, das für Helmut Qualtinger von Bedeutung war. Es kann aber auch nur mit einer Person gestaltet sein, wie im „Herrn Karl“ von Carl Merz und Helmut Qualtinger. Im gemütlichen Gerede des Protagonisten werden da Ungeheuerlichkeiten ausgesprochen, an denen dieser selbst beteiligt war, und das Gemütliche wird so zum Ungeheuerlichen.
„Das Volksfest“ ist ursprünglich unter dem Titel „Die Hinrichtung“ erschienen und wurde von Erich Neuberg verfilmt. Der Scharfrichter Engel, eine Figur, die besonders liebenswürdig daherkommt, während sie für das legitimierte Töten steht, hat Qualtinger selbst verkörpert. Warum hat er sich gerade für diese Rolle entschieden?
Peter Roessler: Die schauspielerische Darstellung von Figuren hat oft etwas Überschießendes, das nicht in Absichten aufgeht und sich nicht vollends erklären lässt. Das erstreckt sich auch auf die Rollenwahl, selbst wenn dabei der Autor zum Schauspieler wird. Doch es gibt Eigentümlichkeiten, die auffallen und im Falle des Scharfrichters auch Helmut Qualtinger interessiert haben könnten. Einmal ist es vielleicht überhaupt der Scharfrichter, man kann an die Fotografie denken, die Karl Kraus für die erste Ausgabe der „Letzten Tage der Menschheit“ ausgewählt hat: Der grinsende Scharfrichter Josef Lang präsentiert den soeben von ihm mit dem Würgegalgen hingerichteten italienischen Irredentisten und ehemaligen Reichsratsabgeordneten Cesare Battisti. Wenn der ehemalige Scharfrichter Engel im Stück von Merz und Qualtinger vom Krieg spricht, in dem so viel zu tun gewesen sei, dann bezieht sich das freilich auf das NS-Regime. Dieser Bezugspunkt ist für die Autoren stets wichtig.
Die Figur des Engel scheint aus der Vergangenheit zu kommen, verweist aber zugleich auf den modernen Menschen. Dazu gehört die Spaltung in Mensch und Funktion, wobei sich die Person selbst als in jeder Hinsicht integer begreift. Das reicht bis zur Distanz zu den eigenen Untaten, der Typus sieht sich als anständigen Menschen, der nur ein Gewerbe ausübt, das aber in diesem Fall Mord bedeutet. Dieses Gewerbe wiederum übt er aus seiner Sicht ebenfalls anständig aus, er tötet also mit handwerklicher Moral. Er liebt seinen Beruf, den er zur Zeit nicht ausüben kann, worunter er menschlich leidet. Das alles erzeugt vor allem eine Komik, bei der das Sprachliche wichtig ist, die sich allerdings nicht zur Gänze definieren lässt und noch viele Dimensionen enthält. Wir verstehen etwas, lachen aber vor Fassungslosigkeit, was im Grunde der Wirklichkeit entspricht. In einer weiteren Fernsehverfilmung des Stücks von 1981 hat Helmut Qualtinger übrigens den „Herrn Doktor“ gespielt, einen höheren Beamten, der seine Verantwortungen bürokratisch aufspaltet und damit eigentlich keine Verantwortung trägt.
In deinem neuen Buch über die Geschichte des Max Reinhardt Seminars schreibst du, dass man die Vergangenheit verstehen, aber nicht hinnehmen müsse. Was meinst du damit?
Peter Roessler: In diesen Gedanken – „die Geschichte studierend, sie verstehend, aber nicht hinnehmend“ – ist explizit auch der Verweis auf den „Blick ins Heute“ einbezogen, von dem aus „alle Suche nach der Geschichte ihren Ausgang nimmt“. Das richtet sich zunächst gegen Geschichtsauffassungen, die zwar Vergangenes registrieren, es aber als abgeschlossen sehen. Die gängige Ansicht, dass es einen Gang der Geschichte gibt, den man einfach annehmen muss, führt überdies letztlich zum Konformismus: Einem Konformismus gegenüber einer Vergangenheit, die man weitgehend akzeptiert, und auch einem Konformismus gegenüber der Gegenwart, in dem man den Lauf der Dinge ebenfalls hinnimmt. Die Vergangenheit aber lebt nicht nur im Heutigen fort und muss auch so betrachtet werden, sie enthält darüber hinaus für Gegenwärtiges ein Potential von Kritik oder gar Widerständiges. Im Buch über die Geschichte des Max Reinhardt Seminars geht es sehr stark um die 1938 – meist wegen ihrer jüdischen Herkunft – von den Nationalsozialisten vertriebenen Lehrenden des Seminars. Wir können vom Leben und von der Arbeit dieser Personen lernen, ohne sie idealisieren zu müssen. Wir können sie gar als potentielle Zeitgenossen sehen, ohne den historischen Abstand zu negieren. Vielleicht aber ist der Abstand zu heutigen Phänomenen geradezu das Unerhörte. Eine solche Erinnerung bäumt sich jedenfalls gegen die gemütliche Fatalität auf, die – wie munter und up to date auch immer – bloß aktuellen Vorgaben gehorcht.
»Die gängige Ansicht, dass es einen Gang der Geschichte gibt, den man einfach annehmen muss, führt überdies letztlich zum Konformismus.«
Peter Roessler
Siehst du in diesen Überlegungen zur Geschichte Bezüge zu Helmut Qualtinger und Carl Merz?
Peter Roessler: In ihren Dramen fließt Historisches und Gegenwärtiges zusammen, da gibt es keine Vergangenheit, die bloß registriert wird. Ihre Satire, in der Geschichtliches ja wesentlich vorkommt, kann – in ihrer vollendeten Negativität – ein Sich-Auflehnen gegen die Gleichgültigkeit sein. Das ist in den Stücken auf unterschiedliche Weise der Fall. Im „Herrn Karl“ ist ein wesentliches Thema der Opportunismus, dieser folgt per se dem Stärkeren, der den Gang der Dinge verkörpert. In „Alles gerettet“ kommen sogar Personen vor, die Menschen retten wollen, sich also anders verhalten als jene, die gleichgültig gegenüber den Opfern sind. Und in der „Hinrichtung“ (dem „Volksfest“) haben wir in einer Art Groteske die Zusammenkunft einer Hinnahme des Gangs der Geschehnisse mit der Sensation, die den Alltag scheinbar unterbrechen soll. Die Dramen von Carl Merz und Helmut Qualtinger bieten sehr viel und natürlich weit mehr als das hier Gesagte. Sie enthalten ein komisch-ernstes Universum der österreichischen Geschichte. Das macht ihre Gegenwärtigkeit aus.
Peter Roessler ist Professor für Dramaturgie am Max Reinhardt Seminar und Autor zahlreicher Publikationen, u.a. zu Exil- und Nachkriegstheater sowie zu Fragen der Literatur und des Theaters.
© Doris Piller