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Der Wortpresse
Festivalzeitung der Wortwiege
Im Gespräch. Regisseur Jérôme Junod über seine persönliche Faszination am schriftstellerischen Ausnahmephänomen Heinrich von Kleist, die Wirkmacht seiner antiken Figuren und das Ungeheuerliche in seinem Werk.
Kleists „Penthesilea“ ist eines der gewaltigsten und ungeheuerlichsten Werke der Theaterliteratur. Amazonenkönigin Penthesilea und Griechenheld Achilles treffen und verlieben sich ineinander am ungünstigsten aller Orte – dem Schlachtfeld. Dort stürzen sie sich in einen Zweikampf, der alle Regeln bricht und die Ordnung der Politik und der Gefühle gleichermaßen gefährdet. Über Lager und Geschlechter hinweg zeigt Kleist das Bild einer Menschheit, die in und um sich selbst unfassbare Kräfte jenseits von Gut und Böse entdeckt und mit ihnen ringt.
»Der Clash dieser beiden Figuren veranschaulicht exemplarisch die Verwirrung unserer Welt, wenn sie auf „das Andere“ trifft, und zugleich die Faszination, die dieses Andere für uns ausstrahlt.«
Jérôme Junod
Achill und Penthesilea – was haben diese übermenschlich großen Figuren und ihre Geschichten uns heute zu erzählen? Warum interessieren wir uns für so alte Stoffe?
Jérôme Junod: Achill verkörpert ein klassisches Helden- und Männerideal: jung, ziel-strebig, erfolgreich, nicht anfällig für Finten oder politische Spiele. Penthesilea, die Amazonenkönigin, taucht wiederum als eine Grundstörung in einer klar geregelten Welt auf; weiblich, von unbekanntem Ursprung, kämpferisch, „barbarisch“, unabhängig, souverän, gleichberechtigt (Homer schon nennt sie antianeira, „den Männern gleich“). Ihre Erscheinung widerspricht also den patriarchalen Erwartungen. Der Clash dieser beiden Figuren veranschaulicht exemplarisch die Verwirrung unserer Welt, wenn sie auf „das Andere“ trifft, und zugleich die Faszination, die dieses Andere für uns ausstrahlt.
Penthesilea wird unter der Lupe des Feminismus heute unterschiedlich rezipiert. Die einen sehen in ihr die starke Kriegerin, die den stereotypen männlichen Helden bezwingt. Die anderen kritisieren, wie emotional sie handelt und wie schnell sie in vorgefertigte Bilder der „Hysterie“ zu kippen scheint. Wie gehst du als Regisseur mit dieser Frage um?
Jérôme Junod: Kleist verfolgte mit Sicherheit keine politische Agenda beim Schreiben. Viele Aspekte seines Stückes lassen sich schwerlich als fortschrittlich betrachten, beziehungsweise sie wiederholen jahrtausendealte Vorurteile über Weiblichkeit oder Exotik. „Hysterisch“ ist Penthesilea allerdings höchstens im selben Sinne, wie Kleist es selbst war: unzufrieden, getrieben, auf der kompromisslosen Suche nach Wesentlichem. Kleists Fassung führt mindestens zwei „Ungeheuerlichkeiten“ ein, die die traditionelle Erzählung konterkarieren: Einerseits verdreht er den Ausgang der Geschichte, die immer mit dem Sieg des Griechen über die Amazone endete, und zwar radikal. Und, für mich noch entscheidender, es gelingt ihm, den Erlebnisfokus von den Griechen (mit denen wir in das Stück einsteigen) auf die Fremden zu verschieben; am Ende sind Odysseus und Co nur mehr Nebenfiguren, unsere Perspektive ist zu jener der Amazonen, der vermeintlichen Barbaren, geworden.
Über das griechische Heer gibt es viele Geschichten von Helden- und Gräueltaten. Man hat eine gewisse Vorstellung davon, wie die Werte dieser Gesellschaft geordnet sind. Von den Amazonen wissen wir ebenso wenig wie Kleists griechische Helden selbst. Wer sind diese Frauen und wie kann man sich den Amazonenstaat vorstellen?
Jérôme Junod: Obzwar jahrhundertelang davon ausgegangen wurde, dass die Amazonen, ähnlich wie die Kentauren, bloße Projektionen – eine „Gegenwelt“ – der Griechen waren, hat sich im 20. Jahrhundert gezeigt, dass die Beschreibungen, die wir zum Beispiel bei Herodot finden, sehr wohl ein reales Substrat hatten: In den nomadischen Völkern, die vom Balkan bis China über den Kaukasus und Afghanistan zu finden waren (Skythen, Sarmaten, Saken, Xiongnu…), und mit denen die Griechen auch in Kontakt gekommen sind, findet man tatsächlich reitende, bogen- und axtschwingende Kriegerinnen, die hoch angesehen waren und mitnichten den untergebenen Status der griechischen Frauen teilten. In diesem Zusammenhang sind Hosenkleidung, Tätowierungen und weitere Merkmale, welche die Griechen erwähnen, keine Seltenheit. Zwar findet man archäologisch keine reinen Frauenstaaten (auch Indien und China haben sich solche vorgestellt, immer in der Ferne), doch bei den skythischen Gräbern um das Schwarze Meer hat sich dank DNA herausgestellt, dass ein Viertel bis ein Drittel der beerdigten Krieger Kriegerinnen waren. Noch heute findet man unter asiatischen Nomaden eine gewisse Gleichheit in den Geschlechterverhältnissen und vieles deutet darauf hin, dass diese Kulturen über Jahrhunderte sehr stabil geblieben sind.
Wie viel Kleist gegen Ende des 18. Jahrhunderts von dem versteht, was später Psychologie genannt wird, ist bemerkenswert. Wie kommt das und wie äußert es sich in seinen Texten und Figuren?
Jérôme Junod: Kleist ist wenig damit beschäftigt, seine Figuren in einem klassischen Sinn zu „motivieren“. Vielmehr scheint er sich direkt mit ihrem Unbewussten kurzzuschließen. Neben der zentralen Rolle von Träumen und Fehlleistungen bringt er Phänomene zum Ausdruck, die Jacques Lacan erst 150 Jahre später beschreibt: der radikale Mangel als Grundlage der Triebökonomie, die „Unmöglichkeit“ eines sexuellen Verhältnisses, die Struktur des Unbewussten als eine Sprache („Küsse… Bisse… das reimt sich“). Mit Küchenpsychologie kommt man bei Kleist nicht sehr weit. Für mich erklärt es sich durch seine absolute Offenheit beim Schreiben. Hätte er sich etwas vorgenommen oder eine kontrollierte Absicht gehabt, hätte er sich diesbezüglich wahrscheinlich zensiert und wir würden nicht diese geistigen, unzeitgemäßen Wetterstrahlen zu lesen bekommen. Somit liefert er uns eine Art Quellcode des menschlichen Funktionierens, samt Abarten und Widersprüchlichkeiten.
Das Ungeheuerliche findet man in jedem einzelnen Text dieses genialen Autors. Was faszinierte ihn so an den abscheulichen Abgründen der Menschen?
Jérôme Junod: Kleist war selbst sein Leben lang getrieben, auf der Suche und auf der Flucht („vor dem Dämon“, hat Stefan Zweig geschrieben). Er war auch unfassbar neugierig. Beides hat ihn literarisch auf faszinierende Themen gebracht und diese waren nicht selten mit Ungeheuerlichkeit verbunden. Zwischen Begeisterung und Enttäuschungen, in einer Zeit voller Kriege und Umbrüche waren ihm Ausnahmezustände historischer, moralischer und ästhetischer Natur wohlbekannt. Die schlagen sich in seinem Theaterwerk immer wieder nieder, mit ihren rachsüchtigen Familien (Schroffenstein), perversen Richtern (Krug), manipulativen Göttern (Amphitryon), von Engelsvisionen geleiteten Verliebten (Käthchen), grausamen Strategen (Hermannsschlacht) oder todesängstlichen Aristokraten (Homburg). Harmonie kennt Kleists Welt keine.
»Man wird gemeinsam mit ihm verrückt und erhält immer wieder einzigartige Einsichten über die menschliche Seele und unsere eigenen Abgründe.«
Jérôme Junod
Was reizt dich daran, einen solchen Stoff zu inszenieren?
Jérôme Junod: Während ich bei anderen Klassikern oft eine gewisse Vertrautheit verspüre, erlebe ich bei Kleist immer eine grundlegende Überforderung: Er ist nicht logisch, nicht sympathisch, er springt von einer Idee zur anderen und seine Wendungen sind zutiefst unberechenbar. Kleist ist fordernd, aber zugleich unglaublich belohnend, wenn man sich auf seinen Ritt einstellt. Man wird gemeinsam mit ihm verrückt und erhält immer wieder einzigartige Einsichten über die menschliche Seele und unsere eigenen Abgründe. Die Sprache allein rüttelt jede Hirnzelle wach und zwingt Sprechende und Hörende dazu, ungeahnten Sinnesbahnen zu folgen. Und diese Erschütterung unserer Gewohnheiten zwingt uns, die Grundlagen unseres Theater- und Weltverständnisses zu hinterfragen. Nur wenige Autor:innen konfrontieren mich derart radikal und lustvoll mit den Grenzen meiner Gewissheiten.
Jérôme Junod studierte Philosophie, Geschichte und Indologie sowie Schauspielregie am Max Reinhardt Seminar. Er ist international als Regisseur, Dramaturg und Autor tätig. Seit 2025 ist er Spielleiter und wissenschaftlicher Koordinator der Wortwiege.
© Andrea Klem